Der Glücksgriff

Sherry, in seinem Ausweis stand Pudelbastard, aber er war ein ganz toller Hund.

Leben bedeutet Veränderung und manche Dinge verändern alles.

Ich hatte in meinem Elternhaus zu Molly, einer Pudeldame, eine besonders enge Beziehung. Doch man wird erwachsen, lernt einen jungen Mann kennen, man mag sich, man liebt sich und manchmal trägt so etwas dann auch Früchte^^.

Es war ein großer Schritt, raus aus dem Elternhaus, raus aus Mecklenburg, aber ich wollte ihn gehen. Molly konnte ich nicht mitnehmen, doch sie hatte Welpen, Vater unbekannt, doch das war mir egal.

Einer wuchs mir besonders ans Herz, er hatte sehr viel von seiner Mutter, das fand ich gut. Mein Mann war von der Idee, einen Hund in die Familie zu integrieren, wenig begeistert. Trotz seiner vorhandenen Tierliebe waren die vorgegebenen Bedingungen aus seiner Sicht nicht ausreichend.

Irgendwie hatte er ja auch recht, aber die Vorstellung, ohne einen Hund oder eine Katze zu sein, das ging gar nicht.

Der kleine Sherry hatte allerdings ein derart liebenswertes Wesen und schien zu spüren, dass er die Vorbehalte meines Mannes durch ein entsprechendes Verhalten beeinflussen kann. So suchte er immer wieder seine Nähe, mein Mann beschäftigte sich viel mit ihm und als die Zeit des Umzugs kam, da war die Frage, ob er mit im Auto sitzen würde, gar nicht mehr relevant.

Sherry war unser erster gemeinsamer Hund. Natürlich hatte er im Neubau nicht die optimalen Bedingungen, aber er kam super klar.

Sherry ist wohl der einzige Hund, bei dem ich einschätzen muss, dass er mehr Männer- als Frauenhund war.

Sie haben sehr viel gemeinsam unternommen, ob Exkursion, Fußball  oder Angeln, Sherry war immer mit dabei.

Er wuchs gemeinsam mit meinen Kindern auf, er wurde 18 Jahre alt und hat unser Leben entscheidend beeinflusst.

Es gibt viele Erinnerungen, die sich mit ihm verbinden, und ich werde ihm deshalb sicher einige Kurzanekdoten widmen, die beweisen, dass nicht nur Rassehunde etwas besonderes sind.

Der Angelhund

Bei einem Rassehund ist die Bandbreite der möglichen Verhaltensweisen begrenzt, denn besondere Eigenschaften sind besonders erwünscht und damit besonders ausgeprägt. Mit jeder Rasse verbinden sich entsprechende Vorstellungen.

Bei einem Mischling ist das etwas problematischer, das ist wie eine Wundertüte, man weiß nie so genau, was drinsteckt.

Sherry war ein Pudelmischling. Den Pudeln sagt man allgemein eine hohe Intelligenz nach und Sherry hatte sich da scheinbar gleich doppelt angestellt. Es gab etliche Situationen, in denen er das unter Beweis stellen konnte oder musste.

Mein Mann angelte besonders gern an einem großen Teich, in dem es neben anderen Fischen auch besonders gute Exemplare der Gattung Karpfen und Aal gab.

Sherry liebte das Angeln, er beobachtete die Posen und sobald diese einen entsprechenden Biss anzeigten, wurde unser Hund richtig aktiv.

Ich denke, er hat mehr auf das Verhalten meines Mannes und die entsprechenden Reaktionen geachtet, aber mein Mann ist felsenfest davon überzeugt, dass der Hund mitgeangelt hat^^.

An manchen Tagen, das kennen sicher alle Angler, war wenig los und so wurde es Sherry langweilig. So trottete er weiter zum nächsten Angler, setzte sich zu ihm und schaute dort auf die Posen. Karpfenangeln funktionierte damals besonders gut mit nach Geheimrezepten hergestellten Teig und Kartoffeln und Sherry liebte diesen Teig. Irgendwie hatte er auch ein Gespür dafür, wann der richtige Zeitpunkt zum Probieren war, denn immer dann, wenn der Angler einen Fisch an der Angel hatte, kümmerte sich Sherry um dessen Teig und lief dann schnell zurück zu Herrchen. Das laute Schimpfen der Angler war dann ein Beleg für die Tatsache, dass Sherry mal wieder zugeschlagen hatte. Natürlich war das meinem Mann unangenehm, doch er kannte ja seinen Hund und hatte für solche Fälle immer einen größeren Teigvorrat zubereitet. Wenn dieser dann dem anderen Angler zu einem Megafisch verhalf, dann war der Ärger schnell verflogen.

Als ich meinen Mann einmal zu diesem Teich begleitete, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln: " Fällt dir etwas auf?"

Natürlich fiel mir nichts auf, die Leute waren freundlich und alle begrüßten auch den Hund freundlich.

" Sie haben jetzt alle ihren Teig in einem Zahnputzbecher um den Hals, so können sie beruhigt beim Angeln mit dem Hund reden, ihn streicheln, sie haben etwas Abwechslung und auch im Ernstfall keine Sorgen, dass ihnen der Köder geklaut wird."

 

Es kann der Frömmste nur in Frieden leben, ..............

Ein Tier zu besitzen bedeutet auch, ihm möglichst optimale Bedingungen bereitzustellen. Im Plattenneubau waren die nicht gerade gegeben, doch wir hatten einen kleinen Garten und auch auf dem Hof gab es genügend Auslauf. Sherry liebte besonders seinen Spaziergang durch das Dorf, sobald sich die Möglichkeit ergab, schlich er sich davon, besuchte die Damenwelt des Dorfes, nahm sich die Zeit für einige Streicheleinheiten, die er von Rentnern und Kindern besonders gern entgegennahm. Wenn er nach Hause kam, öffnete er sich unten die Tür zum Treppenflur, kam die Treppe hoch und wartete geduldig auf das Öffnen der Wohnungstür. Fast alle mochten unseren Sherry.

Eine andere Familie hatte einen Schäferhundmischling. Eigentlich ein armes Tier, die meiste Zeit verbrachte er in einem halbdunklen Schuppen, man kümmerte sich wenig um ihn. Dementsprechend aggressiv war das Tier.

Eines Tages beobachtete ich aus dem Küchenfenster Sherry und meinen Mann auf dem Hof. Ich sah zwar, dass die Tochter der Familie sich zum Schuppen begab und diesen öffnete, ich ahnte jedoch nicht, dass der Schäferhund dadurch sofort die Möglichkeit hatte, sich ungehindert auf Sherry zu stürzen. Nur Sherry ahnte scheinbar die Gefahr und flitzte im Eiltempo zu seinem Herrchen.

Der Schäferhund war nicht zu bremsen, Sherry gab einige ängstliche Laute von sich und die Versuche meines Mannes, den Angreifer zu beeindrucken, schlugen fehl.

Ich befürchtete das Schlimmste, doch plötzlich ging alles ganz schnell.

Mein Mann packte den Hund mit einer Hand in die Schnauze, mit der anderen am Halsband und drückte ihn zu Boden.

Ich war total überrascht, dem Hund erging es wohl nicht besser. Als ich aus dem Haus kam, hörte ich, wie mein Mann beruhigend auf die Besitzerin einredete und ihr erklärte, sie sollte den Hund an die Leine nehmen und wegbringen.

Ich ging mit Sherry ins Haus, die Situation entschärfte sich zusehends. Der Schäferhund unternahm keinen Versuch, meinen Mann zu attackieren, nachdem dieser ihn aus seiner ausweglosen Situation entließ.

" Du bist verrückt, dir hätte sonstwas passieren können, er hätte dich schwer verletzen können, wie kannst du ihn so angreifen?", ich machte ihm schwere Vorwürfe, mit Recht.

"Was hätte ich tun sollen, Sherry gehört zur Familie, der hätte ihn sicher schwer verletzt, ich war seine einzige Chance und Sherry wusste das. Ich habe das Halsband gesehen, dass er glücklicherweise hatte und wusste, was zu tun ist."

Abends, als Sherry schon entspannt in seinem Körbchen schlief, haben wir uns nochmals darüber unterhalten.

" Natürlich hast du recht, aber ich wusste, was ich tun muss. Als ich das Halsband zugedreht habe um dem Hund zu zeigen, dass er keine Chance hat, da gab er auf. Er wurde ruhig und richtig friedlich. Der Hund hatte keine Schuld, er kann nichts für die Bedingungen, unter denen er leben muss. Vielleicht ist er gar nicht bösartig, die Menschen machen den Hund zu dem, was er ist."

Mit dieser Aussage hat er leider recht.

Verstehen konnte ich ihn allerdings erst Monate später, als ich mich in seiner Situation befand. Ich ging mit Sherry durch das Dorf, auf der anderen Straßenseite kam uns ein Mann mit seinem Labradormischling entgegen.

Dieser stürzte sich sofort auf unseren Sherry, die Anweisungen seines Herren völlig ignorierend, er verbiss sich in seiner Schulter und ich befürchtete das Schlimmste. Ich konnte meinem Hund kaum helfen, glücklicherweise besaß der Besitzer genügend Schneid und Kraft, um seinem Hund gewaltsam das Maul zu öffnen. So konnte sich Sherry befreien, die tiefe Wunde vom Tierarzt behandelt werden.

Mehr zufällig erfuhr ich dadurch, dass Sherry sich schon einmal in einer noch schwierigeren Situation befand, aus der er nur durch sehr viel Glück und seine Intelligenz entkam, doch das ist eine andere Geschichte.